Review zur Polikarpov Po-2

Das reale Vorbild
Manche Flugzeuge schreiben Schlagzeilen durch unglaubliche Leistungen. Andere zeigen im Lauf ihres Einsatzes ihre Vorzüge gegenüber Konkurrenten und verkaufen sich deshalb besonders gut... Es gibt aber auch Flugzeuge, die nur wenig bekannt sind und trotzdem aus der Geschichte der Luftfahrt nicht wegzudenken sind. So eine Maschine ist dieser unscheinbare kleine Doppeldecker: die Polikarpov Po-2.
Von Nikolai N. Polikarpov wurde sie im Jahre 1927 entwickelt. Nach den ersten
Testflügen war allerdings klar, dass diese Maschine nicht „der große
Wurf“ gewesen ist. Der nächste Prototyp flog im Januar 1928 und erwies
sich als brauchbar. Nun wurden U-2 von 1928 bis 1953 gefertigt. Es gibt heute
so viele Zahlen über die Anzahl der gebauten Maschinen, dass keine davon
verifizierbar ist. Zwischen 30.000 und 40.000 Flugzeuge dieses Typs mögen
entstanden sein. Die U-2 wurde vor allem als Schulflugzeug benutzt, aber während
des 2. Weltkrieges auch als leichter Nachtbomber und Aufklärer. Dreisitzige
Kuriermaschinen gab es bei jedem Regiment der sowjetischen Luftstreitkräfte.
Andere Varianten waren Agrarflugzeuge oder auch Sanitätsmaschinen mit geschlossener
Kabine. Lizenzfertigungen erfolgten in der CSSR und in Jugoslawien. Neben normalen
Radfahrwerken wurden auch Schwimmerversionen und Ausführungen mit Skifahrwerk
bekannt.
Sie war das robuste Allzweckflugzeug in der Sowjetunion bis in die 50er Jahre
hinein. Sogar die NATO hatte für diesen Flugzeugtyp noch einen Codenamen:
Mule.
Ihre eigentliche Bestimmung war aber die Benutzung als Schulflugzeug. Dafür
war sie von ihrem Konstrukteur konzipiert worden. Alle sowjetischen Piloten
in den 30er Jahren und während des 2. Weltkrieges erlernten auf ihr das
Fliegen einer Platzrunde oder auch den Nachtflug. Darunter waren so berühmte
Jagdflieger wie Ivan Koshedub und Alexander I. Pokryschkin. Erst ab 1949 wurden
die Schulflugzeuge durch Jak-12 ersetzt.
Ein anderer Einsatz soll nicht unerwähnt bleiben. Ein nur aus Frauen gebildetes
Nachtbomber-Regiment, das 588. Nachtbomber-Regiment (ab Juni 1943 46. Garderegiment)
flog mit der Po-2 haarsträubende Einsatze. Die Fliegerinnen dieses Regiments
wurden mit Respekt „die Hexen der Nacht“ genannt.
Nach dem 2. Weltkrieg sind viele dieser Maschinen auch in anderen sozialistischen
Ländern geflogen worden. In Nordkorea während des Korea-Krieges wurde
die Po-2 während des Korea-Krieges auch wieder zum Nachtbomber. Bei Beginn
des Koreakrieges hatte Nordkorea etwa 20 dieser Maschinen, von denen eine ganze
Anzahl bei Angriffen auf Flugplätze zerstört wurden. Aber es erfolgten
recht schnell Nachlieferungen aus der UdSSR. Bei einem Einsatz in der Nacht
vom 17. Juni 1951 erreichten einige Po-2 der nordkoreanischen Luftwaffe den
Flughafen Suwon bei Seoul und zerstörten 9 gegnerische F-86. Die amerikanischen
Nachtjäger konnten diese langsamen, in Bodennähe fliegenden Leinwanddrachen
einfach nicht fassen. Erst 1952 wendete sich das Blatt.
Heute zählen Maschinen vom Typ U-2/Po-2 in den Museen der Welt zu den Raritäten. Die ursprüngliche Bezeichnung war übrigens U-2. Nach dem Tod ihres Konstrukteurs im Jahre 1944 bei einem Flugzeug-Absturz wurde die Bezeichnung in Po-2 geändert.


Kauf und Installation
Das bisher unbekannte Entwicklerteam RusAviaGold hat jetzt über die bekannte Software-Schmiede FS-Addon ein bemerkenswertes Modell dieser Maschine herausgebracht. Es ist über
zu einem Preis von 17,40 Euro erhältlich.
Der Download hat eine Größe von 25,6 MB, die entpackt und installiert 67,5 MB ergeben. Die Installation erfolgt menügesteuert und verlief vollkommen problemlos. Unter „Polikarpov“ findet sich die neue Maschine dann im Auswahlmenü für Flugzeuge.
Außenmodell und Texturen
Das Modell des Flugzeuges und die Texturen wissen zu gefallen. Eine Schönheit war die Po-2 nie. Den Designern ist es gut gelungen, diesen eher kantigen Doppeldecker mit den üblichen Verstrebungen, Spannkabeln und offenen Rudergestängen nachzubilden. Beide Cockpits sind voll ausgebaut. Dies ist nicht bei allen Flugzeugen dieser Art so, auch bei Payware nicht. Deshalb möchte ich es hervorheben. Insgesamt gibt es 10 verschiedene Bemalungs-Varianten. Die alten Bemalungen als Trainer der Sowjetischen Luftwaffe sowie ihrer Verbündeten sind recht gut getroffen. Erstaunt war ich über die Nachtbomber-Ausführung der Luftstreitkräfte der KDVR. Sie ist weitgehend unbekannt und Bilder kannte ich bisher nicht. Die Aeroflot-Maschine zeigt allerdings die heute übliche Bemalung mit der russischen Flagge am Leitwerk und dürfte fiktiv sein. Die Qualität der Texturen könnte etwas höher sein, ist aber akzeptabel. Gut gefällt mir der gebrauchte Look des Flugzeuges. Vor allem die Umgebung des unverkleideten Motors sieht nicht zu neu aus. Öl und Auspuffgase hinterlassen nun einmal ihre Spuren. Der Blick ins offene Cockpit von außen gefällt mir ebenfalls sehr gut. Nachts wirkt die Maschine auch mit eingeschalteten Positionslichtern sehr dunkel und ist kaum zu sehen. Lediglich die grünliche Instrumentenbeleuchtung fällt auf. Erstaunlich ist dies nicht. Gerade die Ausführungen als Nachtbomber sind nun einmal keine farbenfrohen Schönheiten.
Was in diesem Paket fehlt, sind Po-2 auf Schwimmern oder auf Skiern. Es gibt einige Fotos, die Po-2 mit einem Zentralschwimmer unter dem Rumpf und kleinen Stützschwimmern unter den Tragflächen zeigen. Schade, dies wäre doch eine Idee gewesen, oder?


Animationen:
Wenn man eine Kurve fliegt, sollte man mal einen Blick auf die
Rudergestänge werfen. Man kann bei diesem Flugzeug wunderbar sehen, wie
die Gestänge die Ruder bewegen. Der Pilot bewegt sich ebenfalls und scheint
im Kurvenflug den Knüppel und die Pedale zu betätigen. Der Motor ist
ein Schmuckstück. Man kann wundervoll sehen, welche Teile des Triebwerkes
„arbeiten“. Ansonsten gibt es bei so einer alten kleinen Maschine
nicht viele Möglichkeiten für den Designer, um Animationen einzubauen.

2D/3D-Cockpit:
Die Instrumentierung ist karg und die Beschriftung der Instrumente erfolgte mit kyrillischen Buchstaben. Der Höhenmesser ist metrisch geeicht, was für russische Flugzeuge aus dieser Zeit typisch ist. Besonders möchte ich noch einmal hervorheben, dass beide Cockpits zumindest in der 2D-Ansicht nachgebildet worden sind. Das ist auch heute noch nicht Standard. Die Sicht aus beiden Cockpits ist natürlich nicht besonders gut, da Tragflächen und Verspannung einen Teil der Sicht versperren. Das ist aber absolut korrekt und Doppeldecker-Piloten müssen lernen, damit zurechtzukommen.


Das 3D-Cockpit ist durchaus zum Fliegen geeignet. Alle Schalter wie die Beleuchtung, die Regulierung für das Gemisch usw. funktionieren. Die Nachtbeleuchtung mit ihrem grünlichen Schein ist zweckmäßig und die Instrumente sind auch nachts gut ablesbar.



Sound:
Das laute „Blubbern“ des kleinen Fünfzylinder-Sternmotors M-11 des Konstrukteurs Schwezow, der im Laufe der Entwicklung von 100 auf 160 PS „aufgebohrt“ wurde, klingt wirklich gut. Man kann das Triebwerk „nach Gehör“ bedienen. Ansonsten gibt es keine weiteren Sounds.
Performance:
Hier gibt es keine Einbrüche zu verzeichnen... konstant über 25 fps. Was will man mehr?
Flugdynamik:
Diese Po-2 ist ein typisches Schulflugzeug und alles andere als agil. Sie ist langsam, regiert recht träge und im Kurvenflug reicht es nicht, den Knüppel kurz in Kurvenstellung und dann wieder auf neutral zu bewegen. Man muss vielmehr mit einer Gegenbewegung die Maschine aus der Kurve ausleiten. Gut ausgetrimmt fliegt die Kiste fast von allein. Die Landung ist nicht ganz einfach und so richtig „Dreipunkt“ mit Rädern und Hecksporn zugleich aufzusetzen verlangt Genauigkeit. Auf keinen Fall sollte man mit zu hoher Geschwindigkeit hereinkommen. Das mag die Maschine nicht und beim Aufsetzen springt sie.
Handbuch/Checklisten/Daten:
Ein solides Handbuch mit 45 Seiten Information gehört zum Lieferumfang.
In russischer und englischer Sprache enthält es neben einer Einführung
in die Geschichte technische Details und Checklisten. Handskizzen verdeutlichen
den Aufbau des Flugzeuges. Diese Beschreibung gefällt mir gut.


Bewertung:
Positiv:
– 10 verschiedene Bemalungsvarianten.
– Der Look entspricht einem gebrauchten Flugzeug mit Ölflecken und
Rußspuren
– Schüler- und Lehrercockpit sind gestaltet.
– Die Nachtbeleuchtung der Instrumente gefällt mir.
– Gutmütige, aber nicht vereinfachte Flugeigenschaften.
– Der Sound des Triebwerks ist glaubwürdig.
– Hübsches kleines Handbuch mit allen notwendigen Informationen und
gutem historischen Überblick
Negativ:
– Leider keine Ausführung als Schwimmerflugzeug oder Ski-Version
verfügbar.
– Texturen nachts etwas dunkel, wobei dies nicht unbedingt ein Mangel
ist. Nachtbomber sind entsprechend getarnt.
– Dreipunkt-Landung nicht einfach. Der Hecksporn ist bei der Landung nur
schwer an den Boden zu bekommen.
Eine Bewertung mit 9 Sternen erscheint mir angemessen.
Fazit:
Ich finde, diese Maschine ist ein würdiges Einstiegswerk eines neuen Designer-Teams und hat mir viel Freude beim Fliegen bereitet. Optisch ist sie - wie das Original auch - keine Augenweide. Aber solche Maschinen haben ihren eigenen Charme, wenn man bereit ist, sich auf das Fliegen mit einem solchen Ungetüm einzulassen. Zur Erkundung kleiner Szenerien ist sie übrigens hervorragend geeignet.
Andreas Schmidt für flugsimulation.com | Andreas im Impressum | Veröffentlicht am 24.08.2005 | Counter: 7003 Besucher
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