Artikel: AB-Flyinn bei Flugsimulator Berlin und JetSim

flugsimulation.com besucht das AB-Flyinn oder: "Fliegen in Höhe Null"
„AB-Flyinn, was soll das denn bitte heißen?“ So oder so ähnlich muss ich mich gewundert haben, als vor einiger Zeit eine Einladung zu selbigem Event bei mir ins Haus flatterte. Nicht nur der Beiname „Inselhüpfen“ machte mich dann doch neugierig mehr zu erfahren: Zwei unabhängige Firmen, Flugsimulator-Berlin und JetSim arbeiten am Nikolauswochenende zusammen, um Besuchern Flüge in beiden Cockpits anbieten zu können.
Aber ganz von vorn: Neben dem heimischen PC als Plattform für Flugsimulation gibt es ja bekannterweise auch noch extrem komplexe „Full-Motion“ Simulatoren, also komplette Cockpits auf Hydraulikbeinen, die zur Pilotenschulung eingesetzt werden. Solche Sims unterhält beispielsweise die Lufthansa in Berlin. Dort kann man auch als Privatperson einen Flug buchen, jedoch ist dann schon eine gut gefüllte Geldbörse Voraussetzung.
Etwas weniger komplexe und damit günstigere Cockpitsimulatoren waren bisher im kommerziellen Bereich eher eine Marktlücke. FS-Berlin und JetSim haben sie in der deutschen Hauptstadt gestopft, indem sie jeweils Flüge in einem nicht beweglichen Airliner-Cockpit zu eher erschwinglichen Preisen, vornehmlich für Hobby-und Simulatorpiloten, anbieten.
Flugsimulator Berlin nennt ein Boeing 737-700 Cockpit ihr Eigen, JetSim macht den Gast zum Airbus A320-Piloten. So ist auch der Name AB-Flyinn schnell erklärt: Jeweils eine Stunde Airbus und Boeing fliegen. Das ist doch mal was!
Also habe ich mich Samstag früh in die Bahn gesetzt und bin nach Berlin in den Stadtteil Wedding gefahren. Direkt an der U-Bahn-Station „Amrumer Straße“ befindet sich ein größerer Bau mit modern wirkender Glasfassade im Erdgeschoss, die unübersehbar vom großen orangen Firmenlogo geschmückt wird.

Die Räumlichkeiten sind nicht riesig, lassen aber auch zu keiner Zeit das Gefühl von Enge aufkommen. Wohl auch, da im normalen Betrieb niemals mehr als ein Gast gleichzeitig betreut wird. Besonders fällt die stilvolle Dekoration auf, die Flughafenflair vermittelt. Henning, der Geschäftsführer und Maik, der „Chefpilot“ sind schon da und stellen sich bereitwillig meinen Fragen.
Ursprünglich war ein Event geplant, bei dem zum Nikolaus auf den Nikolausinseln geflogen werden sollte, was allerdings mangels Flugplätzen in dieser Gegend flach viel. Um alles kurzweilig und spannend zu halten, war „Inselhüpfen“ auf den Kanarischen Inseln und den Inseln um Maderia die Lösung. Dann wurde noch die eigentliche Konkurrenz JetSim mit ins Boot geholt und das Angebot festgelegt: Für 159 Euro fliegt man nach fünfzehn Minuten Briefing eine Stunde im 737 Simulator und fährt dann zu JetSim, wo man für die gleiche Zeit im A320 Platz nehmen darf. Das sind somit preislich etwa 50% Rabatt, oder besser gesagt, man bekommt für die 159 Euro, die normalerweise ein einstündiger Flug bei FS-Berlin kosten würde, die "doppelte" Leistung.
Aber nun zum Wesentlichen: Nach Vorbesprechung und Einweisung wurde ein unauffälliger schwarzer Vorhang zur Seite gezogen und ich stand vor dem Herzstück der jungen Firma:

Die orange lackierte Cockpitkanzel stammt eigentlich aus einer alten 707 und wurde nach einer Bruchlandung zum Simulator für die 737 umgebaut. Mit Hilfe von sieben Rechnern und spezieller Software wie Project Magenta wurde allen Bedien- und Anzeigeelementen, welche großteils aus dem originalen Flugzeug stammen, eine Funktion zugeordnet. Als Simulator wird noch der gute alte FS9 verwendet, der allerdings nur noch als Anzeigeplattform dient. Alle Systeme des Flugzeuges kommen von externer, speziell für diesen Zweck entwickelter Software.
Nach ein paar Fotos erscheinen schon die ersten Gäste, die sogar aus Hannover angereist sind. Das Briefing ist kurz und interessant gehalten, Maik geht nach einigen allgemeinen Worten auf spezielle Fragen des Kunden, eines PPL-Inhabers, ein. Im Sim wird Cold & Dark gestartet, wobei Maik, selbst CPL-Pilot, die nötige Hilfestellung gibt. Eine dritte Person, in dem Falle die Gattin, kann den Flug durchaus vom Jumpseat aus verfolgen, mit mir im Cockpit wurde es dann jedoch etwas eng.

Die Darstellung auf der Leinwand ist etwa 4 Meter breit und gut aufgelöst. Als nächste Anschaffung ist eine 180 Grad Leinwand geplant, die auch einen Blick aus den Seitenfenstern ermöglichen soll, wie JetSim sie hat. Aber das werde ich mir später selber anschauen. Jetzt ist gerade der Pilotensitz frei geworden und ich freue mich auf einen kleinen Rundflug:
Besonders auffällig sind die großen Steuerdrücke, wenn man sonst nur die kleinen Joysticks gewöhnt ist. Man wird praktisch gezwungen, viel mit der Trimmung zu arbeiten, wenn man „lahme Arme“ vermeiden möchte. Irgendwo sind gut versteckt Vibrationsmotoren eingebaut, die beim Ausfahren der Fahrwerke Krawall fabrizieren und auch den Landestoß spürbar machen. So vergisst man fast, dass man in einem „fixed-base-sim“ sitzt. Überrascht hat mich auch die Größe und Auflösung des Glassinstrumente: Allein das PFD, dass auf Fotos immer klein aussieht, erschen mir beinahe so groß wie mein heimischer 17 Zoll (Mini-)Monitor.
Allgemein lässt es sich in so einem Sim viel einfacher fliegen als am PC: Man muss weder die Finger verrenken, um wirre Tastenkombinationen zu drücken, noch den Hals, um mit Hilfe von TrackIR das OHP zu bedienen. Oder beispielsweise der Autopilot: Zuhause klickt man oft neben die winzigen Stellknöpfe, im Cockpitsim hat man richtige Bedienelemente in der Hand, die entsprechend einrasten und genau sind.




Nun hieß es für mich Abschied vom FS-Berlin-Team nehmen und mich auf den Weg zu JetSim zu machen. Einige Autominuten später stehe ich auf dem weiträumigen Hof eines Industrieparks und frage mich, ob ich dort richtig wäre. Nach Auskunft des Pförtners geht es bis vor eine hellblau gestrichene Fahrstuhltür, die direkt auf den Hof weist. Selbige öffnet sich und ich werde vom hochgewachsenen Daniel freundlich empfangen und durch endlose, fast schon labyrinthartige Bürofluhre geführt. Stephan sei gerade mit Kunden im Simulator, erfuhr ich und unterhielt mich dann erst einmal mit Daniel. JetSim ist sehr zeitnah zu FS-Berlin entstanden, ohne dass beide Firmen voneinander wussten. Natürlich sei FS-Berlin Konkurrenz, vor allem, da sie nur ein „paar Ecken“ weiter säßen, jedoch würden die angebotenen Dienstleistungen JetSim klar von den orangen Konkurrenten trennen. Da sei als erstes die riesige 180 Grad Leinwand zu nennen, die einen guten Rundumblick erlaubt. Und natürlich der Flugzeugtyp, schließlich wird man hier für eine Stunde zum Captain des hochmodernen A320, der dem Piloten durch vielfältige Systeme, es sei nur „Fly-by-Wire“ genannt, viel Arbeit abnimmt. Doch dieses „Wunderding“ will ich mit eigenen Augen sehen und gehe durch den kleinen Briefingraum, um dann vor einem Monstrum von Metallkiste zu stehen: Darin verbirgt sich der Simulator, der so komplett von Cockpitsim geliefert wurde.


Drinnen fliegt Stephan gerade mit Gästen: Das nette Ehepaar, dem ich schon bei FS-Berlin begegnet bin. Dies ist kein Zufall, schließlich ist der Flug in beiden Sims ja bekannterweise Hauptbestandteil des Events.
Auch wenn "sein" Simulator ein "Fertigprodukt" war, so wollte sich Stephan nicht damit zufrieden geben und steckte noch viel Feinarbeit in Hardware und Software. So stammen beispielsweise die Wolkentexturen aus seiner Feder. Auch JetSim verwendete den FS9 mit zusätzlicher Software wie "Project Magenta" zur Systemsimulation des Airbus. Autopilot, Fly-by-Wire, Autothrottle, alles funktioniert, wie es sollte.
Nachdem nun auch ich hier für einen Rundflug über Gran Canaria auf dem exclusiven linken Sitz platznehmen durfe, stellte ich als erstes überrascht die Genauigkeit des (für Rechtshänder auf der linken Seite ungünstig positionierten) Sidesticks fest. Es reichen winzigste Steuerbewegungen um den Jet auf Kurs zu bringen.




Fazit: JetSim hat die Riesenleinwand, dafür hat FS-Berlin das Originalcockpit. Beide Firmen sind noch jung und bieten wirklich geile Flug-Erlebnisse für „low budget“ an, ohne dass man den Erdboden verlassen muss. Fliegen in Höhe Null eben. ![]()
Ach ja: Dieser oft zitierte Satz stimmt wirklich: Wenn man sich auf's Fliegen konzentriert, vergisst man tatsächlich schnell, das man nur in einem Simulator sitzt.
Für weitere Infos über Angebote und Preise, hier die Links zu den Websites der Firmen:
JetSim: http://www.jetsim.de/
FS-Berlin: http://www.flugsimulator-berlin.de/joomla/de/home.html
Maximilian Heidemann für flugsimulation.com | Veröffentlicht am 22.12.2009 | 6348 Besucher